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Interview mit Maria und Raimondo Scotto

Maria und Raimondo Scotto im Begegnungs- und Bildungszentrum, Baar.

Die Botschaft klar ausdrücken

Welches sind die Voraussetzungen für eine gelungene Kommunikation?

Maria Scotto: Wenn Kommunikation gelingen soll, müssen wir zuerst auf die Befindlichkeit des Anderen achten, auf das, was die andere Person gerade bewegt. Ist jemand angespannt oder gerade „auf dem Sprung“, kann sicher nicht von einem geeigneten Moment für eine gute Kommunikation gesprochen werden. Wir müssen also immer die aktuelle Situation berücksichtigen und dann auch den Ort, wo das Gespräch stattfinden soll. Es braucht ein ruhiges Ambiente und genügend Zeit, vor allem wenn wir wichtige Dinge mitteilen möchten, wichtige Entscheide zu fassen sind oder innere Befindlichkeiten mitgeteilt werden sollen.

Kann man Missverständnisse vermeiden?

Raimondo Scotto: Missverständnisse vermeidet man, wenn die eigenen Gedanken klar ausgedrückt werden und man sich vergewissert, dass die Botschaft auch angekommen ist. Oftmals werden unterschwellig Dinge kommuniziert und die empfangende Person weiss nicht genau, was sie damit tun soll. Es braucht also zwei Dinge: die Botschaft klar ausdrücken und sich vergewissern, dass sie auch verstanden wurde.

Du bist wichtig für mich

Maria Scotto: Die Person, an die eine Botschaft gerichtet ist, darf sich nicht angegriffen fühlen. Oftmals beginnen Gespräche schlecht, weil das Gegenüber sofort mit einer Verteidigungshaltung reagiert. Beginnt ein Gespräch mit der Botschaft: „Du bist wichtig für mich“, dann werden auch die kontroversesten Ideen erst einmal angehört. Wichtig ist, dass die andere Person sich bestätigt fühlt. Wie oft errichten wir Mauern, weil wir spüren, die andere Person glaubt nicht an mich. Wenn sie jedoch an dich glaubt, ist es wie wenn sie dir sagt: „Du bist wertvoll“. Wenn du weder ein Urteil spürst, noch eine Kritik, wenn die andere Person dich nicht belächelt, dann ist es möglich, auch einen kontroversen Gedanken zu äussern.

Nicht immer gelingt es, das auszudrücken, was wir fühlen...

Raimondo Scotto: Klarheit in der Botschaft bedeutet auch, sich so mitzuteilen, dass die Worte, die ich sage, übereinstimmen mit meiner Haltung, mit dem Tonfall meiner Stimme und meinem Gesichtsausdruck. Sonst sage ich womöglich etwas mit Worten, aber mein Gesichtausdruck und die Stimmlage drücken etwas ganz anderes aus. Natürlich braucht es auch die Seite des Zuhörers, der die Botschaft aufnimmt und jenseits der Worte und der Haltung versucht, den Sinn der Botschaft zu verstehen. Das ist ein weiterer Aspekt, der jedoch vom Empfänger der Botschaft ausgeht.

Maria Scotto: Eine Mutter zum Beispiel hat es eilig und zieht ihr Kind hinter sich her. Um das Kind zu motivieren, sagt sie: „Du wirst sehen, heute wird es ein wunderschöner Tag... der Frühling kommt“... aber sie ist in Eile. Das Kind empfängt eine doppeldeutige Botschaft. Es spürt die Sorge der Mutter.

Es wäre besser, dem Kind in dem Augenblick zu sagen: „Liebling, heute ist ein schwieriger Tag. Wir haben wenig Zeit, wir müssen uns beeilen. Dafür werden wir morgen mit mehr Ruhe zur Schule gehen. Wir stehen etwas eher auf und erzählen uns viele Dinge.“ Die nonverbale Mitteilung ist für das Kind wichtig. Es nimmt das auf, was wir innerlich leben. Unsere Worte sollten damit übereinstimmen.

Perfekte Kommunikation reicht nicht

Heisst das also: für eine gute Paarbeziehung reicht eine gute Kommunikation?

Raimondo Scotto: Ich kann eine negative Botschaft “technisch perfekt” kommunizieren. Wenn ich einer Person sage: „Du verstehst nichts!“ so ist die Kommunikation korrekt. Botschaft, Stimmlage und Haltung stimmen überein. Das ist jedoch keine gute Kommunikation, weil sie die Beziehung der Partner nicht fördert.

Maria Scotto: Manchmal kann man auch etwas Unangenehmes, das vielleicht Schmerzen verursacht, weitergeben, zum Beispiel eine unangenehme Wahrheit mitteilen. Auch die Wahrheit kann man mit Liebe sagen.

Und die eigenen Bedürfnisse? Wo haben in einer solchen Paarbeziehung die eigenen Bedürfnisse ihren Platz?

Raimondo Scotto: Meine Bedürfnisse haben immer Platz. Wichtig ist, sie mit denen des Partners oder der Partnerin zu konfrontieren. Es gibt Momente, in denen ich meine Bedürfnisse und Ansprüche zurückstellen muss, um die der Partnerin zu berücksichtigen. Dann gibt es andere Situationen, in denen meine Bedürfnisse mit den ihren übereinstimmen, und Momente, wo sie ihre Bedürfnisse für mich zurückstellt. Man muss sie also nicht ständig verlieren. Aber man muss darüber reden, damit wir gegenseitig unsere Bedürfnisse kennen.

Liebe ist nicht einseitig

Oder wie es oftmals passiert: ich verliere meine Ansprüche, um denen des anderen Raum zu geben und finde dann eine nicht vorhergesehene Antwort auf meine anfänglichen Ansprüche. Es ist dieses „gebt und es wird euch gegeben werden“. Das ist einerseits ein Prinzip des Evangeliums aber auch ein psychologisches. Wir haben das vielfach erfahren. Das gilt auch für den Bereich der Sexualität. Wir haben das oft bei Personen festgestellt, die sich über ein unbefriedigendes Sexualerleben beschwerten. Wir versuchten ihnen verständlich zu machen, dass sie nicht andauernd an sich denken sollen, sondern an den Partner oder die Partnerin und deren Erfüllung. Unvermittelt erlebten sie dann, dass die Freude des anderen auch zu ihrer wurde. So fanden sie eine neue Erfüllung.

Maria Scotto: Ein Paar ist auch dazu berufen, zu einem Austausch von Geschenken zu kommen, zur gegenseitigen Liebe. Liebe ist nicht nur einseitig. Wenn du achtsam lebst, einen Moment deine Bedürfnisse zurücknimmst, aber auch den Mut hast, sie im richtigen Moment zu äussern, erfüllen sie sich. Sie kommen als Geschenk von oben zu dir zurück.

Interview: Francesco Scariolo/Marcel Caduff

Familie unter Dauerdruck

Das moderne Leben reibt uns auf. Die Arbeit, der Stress setzen uns unter einen Dauerdruck. Wie können wir Momente für uns als Paar, Zeit für unser Zusammensein finden?

Raimondo Scotto: Es liegt an uns, mit Intelligenz und Fantasie dafür Freiräume zu finden. Das zu verwirklichen hängt auch von der Erfahrung der einzelnen Personen ab. Sehr oft passiert es, dass wir uns voll und ganz für die Arbeit einsetzen und unsere Partnerschaft nicht mehr an erster Stelle steht. Ohne es zu bemerken gibt es plötzlich nur noch die Arbeit, die Kinder oder sonstige Aktivitäten. Da müssen wir einen Moment innehalten, sehen, was wir zurückstellen können, um Zeit für uns zu haben. Wir müssen Prioritäten setzen. Und was gehört an die erste Stelle? Unsere Beziehung als Ehepaar. Oder anders gesagt, an erster Stelle kommt unsere Fähigkeit zur Eigenständigkeit, unsere persönliche Beziehung zu Gott und danach die Beziehung als Ehepaar, denn daraus kommt alles weitere, die Erziehung der Kinder, Erfolg an der Arbeit und so weiter. Diese Werteskala muss ich mir immer wieder vor Augen führen und neu verstehen, was dies konkret bedeutet. Sonst kann es passieren, dass ich mich bei meiner Pensionierung, in einer nicht mehr existierenden Paarbeziehung wieder finde.

Prioritäten setzen

Oft geschieht es, dass bei fehlender Kommunikation gerade von Seiten des Mannes ein Engagement ausserhalb des Hauses gesucht wird.

Raimondo Scotto: Findet zuhause keine Kommunikation statt, fehlt es an Beziehung, dann sucht man sich die Belohnung ausserhalb, in den verschiedensten Aktivitäten. Dadurch werden die familiären Beziehungen noch mehr verkürzt. Wir müssen einander helfen, die Augen auf die Wirklichkeit hin zu öffnen und neu anfangen, die Paarbeziehung an den ersten Platz zu stellen, sonst wird die Situation sich mehr und mehr verschlechtern. Die Aufmerksamkeit wird immer stärker nach aussen gerichtet anstatt nach innen. Und das wirkt sich in steigendem Masse negativ aus in meinem Leben.

Könnte man sagen, dass Reife darin besteht, auf eigenen Beinen zu stehen und aus der Fähigkeit, sich ganz dem Anderen zu schenken?

Maria Scotto: Wir sind dazu berufen, die höchste Form an Einheit in der Unterscheidung zu erreichen. Das scheint ein Widerspruch zu sein. In Wirklichkeit ist es das aber nicht, denn wir behalten unsere Individualität, indem wir sie dem anderen schenken und so entsteht Respekt gegenüber der Verschiedenheit aber auch tiefe Gemeinschaft.

Interview: Francesco Scariolo, Marcel Caduff