Ein Beitrag von Gabi Ballweg
Noch nie in der Menschheitsgeschichte waren wir so viel unterwegs wie heute. „Ich bin dann mal weg“ beschreibt wie kaum eine andere Redewendung sinnbildlich die Sehnsucht nach Abstand vom Alltäglichen und den Wunsch, Neues zu entdecken, Anderes zu erleben.
Reisen ist zugleich ein Bild für das Leben. Es zieht sich durch die Literatur, und alle großen Religionen kennen die Bedeutung von Reisen und Unterwegssein, von Aufbrechen und Ankommen.
Im Judentum ist Pilgern und Unterwegssein fest verankert. Vom Aufbruch ins Gelobte Land über den Auszug aus Ägypten und die Wüstenwanderung, das Volk Israel ist beständig auf dem Weg. Drei historische Wallfahrtsfeste prägen bis heute den Jahreskalender.
Der Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, ist eine der fünf Säulen im Islam; mindestens einmal im Leben sollen die Gläubigen sie antreten.
Im Buddhismus ist das Leben selbst ein Kreislauf der Wiedergeburten. Die Reise beschreibt hier den Pfad der Erleuchtung (den achtfachen Pfad), der aus diesem Kreislauf herausführt.
Der Hinduismus kennt Pilgerfahrten zu heiligen Orten wie dem Ganges oder verschiedenen Tempeln; sie reinigen das Karma und bringen den Gläubigen dem Göttlichen näher.
Wie häufig in der Bibel vom sich Aufmachen und Unterwegssein die Rede ist, habe ich in den letzten Wochen neu wahrgenommen. Es steht auch dort nicht nur für einen Weg, der von Ort zu Ort und von Land zu Land führt, sondern meint zugleich den Lebensweg eines Menschen und den Weg, den Gott mit den Menschen geht. „Du führst mich hinaus ins Weite“, bekennt etwa der Psalmist (Psalm 18,20) und bittet gleichzeitig um den rechten Weg, der das Leben gelingen lässt und nicht ins Verderben führt.
In vielen biblischen Weggeschichten spiegelt sich in den äußeren Wegen der innere Weg der Menschen. Im Alten wie im Neuen Testament ist das Unterwegssein ein klassischer Ort der Glaubens- und Gotteserfahrung. Wo Menschen sich aufmachen, Vertrautes verlassen oder verlieren und Fremde erfahren, stellt sich umso eindringlicher die Frage nach dem, was wirklich trägt und Halt gibt. Letztlich ist die ganze Heilige Schrift eine Wegerfahrung – und eine starke Zusage: Gott ist mit dabei. Er begleitet die Lebenswege, wohin sie auch führen.
Im Neuen Testament ist auch Jesus ständig unterwegs. Den Großteil seiner Botschaft verkündet er auf dem Weg – in der Begegnung mit Menschen. Und am Ende schickt er auch sie auf den Weg – zu den Menschen. So ziehen sich Erzählungen von Reisen, zurückgelegten Wegen, Begegnungen wie ein roter Faden auch durch die Apostelgeschichte und die Briefe. Menschen in der Nachfolge sind unterwegs. Und Gott mit ihnen. Nicht nur auf dem Weg nach Emmaus.
Leben ist Unterwegssein. Die Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich, griff für den Weg der Menschen zu Gott das Bild einer „Heiligen Reise“ auf. Und sie gebrauchte viele andere Bilder, um Etappen oder Erfahrungen auf diesem Weg zu beschreiben: dass es immer wieder notwendig sei, den inneren Kompass auszurichten; wie wichtig Weggefährten sind; sie sprach davon, als Seilschaft unterwegs zu sein, wo keiner ohne den anderen gehen und ankommen kann.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diesem Sommer etwas von dem erfahren, was Hilde Domin in einem Gedicht so formuliert hat: „Man muss weggehen können und doch sein wie ein Baum: als bliebe die Wurzel im Boden, als zöge die Landschaft und wir ständen fest.“
Dies ist ein gekürzter Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift NEUE STADT. Möchten Sie auch die weiteren Beiträge zum Thema „Reisen: Neues erleben und sich selbst begegnen“ lesen? Dann können Sie HIER ein Probe-Heft anfordern oder ein Abonnement abschließen.