«Langsam, ganz langsam, Luzia!»

Luzia Wehrle war 40 Jahre lang beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) tätig. Sie erinnert sich an die Anfänge, die Besuche von Chiara Lubich, und warum sie glaubt, dass sich immer wieder Türen zur Einheit öffnen.

Die Fokolar-Bewegung ist seit dem ersten Besuch von Chiara Lubich im Jahr 1967 mit dem ÖRK durch eine lange Geschichte der Freundschaft und Zusammenarbeit verbunden. Eingeladen wurde die Fokolar-Gründerin damals vom reformierten Schweizer Theologen und zu jener Zeit ÖRK-Mitarbeiter Lukas Vischer.

Sie haben kurz nach Chiara Lubichs erstem Besuch Ihre Arbeit aufgenommen, um die Beziehungen zwischen dem ÖRK und der Fokolar-Bewegung zu erhalten und zu fördern. Wie war ihr Start?

Ich war voller Begeisterung, zur Mission des ÖRK beitragen zu können. Ich war 23 Jahre alt. Ich glaubte, dass durch das Leben dieser Spiritualität der Einheit, durch das Teilen dieser Spiritualität, der Traum von der Einheit, Jesu Gebet „dass alle eins seien“, bald Wirklichkeit werden würde. Ich schrieb dies Chiara Lubich. Sie antwortete prompt: „Langsam, ganz langsam, Luzia, du brauchst nur zu lieben – du hast keine andere Verantwortung. Maria war nicht darauf bedacht, aktiv zu sein, sondern Jesus durch ihre Liebe Raum und Sichtbarkeit zu geben.“ Dieser Satz nahm mir jeglichen Druck und begleitete mich während meiner Jahre beim ÖRK.

Was bleibt im Rückblick als tiefste Erfahrung?

Diese 40 Jahre waren wahrlich ein unermessliches Geschenk und haben mein Herz tief geprägt – nicht nur durch die ökumenische Erfahrung, die ich auf den vielen Konferenzen weltweit sammeln konnte, sondern vor allem durch das unermessliche Geschenk, für die Einheit der Kirchen einzutreten. Es war ein wahres Privileg und zugleich ein fortwährender Dank an Gott, der mich seine persönliche Liebe in dieser überaus reichen Zeit meines Lebens beim ÖRK in Genf erfahren liess. Besonders beeindruckt hat mich die Grosszügigkeit meiner Kolleginnen und Kollegen, die Jahre ihres Lebens der ökumenischen Bewegung widmeten, indem sie unter anderem ihre Heimatländer, ihre Familien, ihr gewohntes Leben, ihre Annehmlichkeiten und ihre Karrieren aufgaben. Welch eine Bereicherung, mit so vielen verschiedenen Kulturen zusammenzuleben!

Hat Sie diese Erfahrung auch verändert?

Manchmal fragten mich Aussenstehende, ob ich nicht von protestantischen und orthodoxen Denkweisen beeinflusst sei. Ich bejahte dies. Tatsächlich prägten sie mich sehr und halfen mir, eine bessere Katholikin zu werden. Durch ihr Zeugnis bestärkten sie meinen Glauben. Ich war auch tief berührt davon, wie sehr sie die Ausübung meines römisch-katholischen Glaubens respektierten und mir immer ermöglichten, eine katholische Messe zu besuchen.

Chiara Lubich war mehrmals am ÖRK. Welche Themen hat sie eingebracht?

Zur Vorbereitung ihres dritten Besuchs im Jahr 2002 begleitete ich als Dolmetscherin Konrad Raiser, den damaligen Generalsekretär, zu einem Besuch bei Chiara Lubich, die im Wallis Urlaub machte, um das Programm zu besprechen. Ich war tief beeindruckt von Chiaras Aufmerksamkeit gegenüber Konrad Raiser, ihrem Interesse am ÖRK und der Wertschätzung, die sie der Arbeit dieser Organisation entgegenbrachte. Sie sprach auch über Jesus, den Gekreuzigten und Verlassenen, als Schlüssel zur Einheit. Anschließend fragte sie Konrad Raiser, welches der beiden Themen sie behandeln solle: „Eine Spiritualität der Einheit “ oder „Einheit und Jesus, der Gekreuzigte und Verlassene, Grundlage einer Spiritualität der Gemeinschaft“. Ich erinnere mich, dass Raiser keine Sekunde zögerte und sich für das zweite Thema entschied. Am Ende dieses Besuchs gaben Konrad Raiser und Chiara Lubich eine gemeinsame Reflexion mit dem Titel „Spiritualität der Einheit“ heraus und unterzeichneten sie. Darin betonten sie die neu gewonnene Hoffnung auf unseren gemeinsamen ökumenischen Weg.

Welche Begegnung des ÖRK mit Chiara Lubich hat Sie am meisten berührt?

Einer der Höhepunkte dieser 40 Jahre ereignete sich Ende Januar 2008 – wenige Wochen vor Chiara Lubichs Tod. Erneut als Dolmetscherin begleitete ich Samuel Kobia, den damaligen ÖRK-Generalsekretär, der zusammen mit Yorgo Lemopoulos und Martin Robra Chiara in ihrem Haus in Rom besuchte. Sie wollten ihr für all ihren Einsatz für die Einheit danken, nicht nur für die Kirchen, sondern für die gesamten Menschheit. Es war allen klar: es geht um eine Einheit, die vor allem auf dem gekreuzigten Jesus Christus gründet. Sie wollten Chiara auch ermutigen, ihr Werk fortzusetzen. Dieser Besuch war ein einzigartiger Moment der Freude und tiefer Verbundenheit. Nach ihrem Tod würdigte Samuel Kobia sie mit den Worten: „Unsere Liebe zu Chiara und unsere immense Dankbarkeit für das Geschenk Gottes, das sie für die ökumenische Bewegung war, werden uns auch weiterhin in unserer Arbeit für die sichtbare Einheit der Kirche motivieren und inspirieren.“

Was erhoffen Sie sich weiterhin für die ökumenische Bewegung?

Ich bin sehr optimistisch, was die ökumenische Bewegung angeht, auch weil ich in meinen 40 Jahren beim ÖRK – und auf vielen Konferenzen weltweit – erkannt habe, was christliche Einheit bedeutet: persönliche Beziehungen aufzubauen, die uns nicht trennen, sondern das Interesse an der Vielfalt der vielen christlichen Konfessionen fördern und uns gegenseitig bereichern. Auch in Zeiten von Spannungen, manchmal sogar ernsten, haben wir miteinander gesprochen, einander zugehört und so den Glauben zu sichtbarer Einheit gestärkt. Oftmals öffneten sich dadurch neue Türen, durch die das Licht Gottes spürbar wurde!

Das ganze Interview mit Luzia Wehrle auf der Website des ÖRK finden Sie hier.


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