TRANSPARENZ UND MITVERANTWORTUNG: PAPST LEO XIV. AN DIE FOKOLAR-BEWEGUNG

Papst Leo lädt ein, das Charisma von Chiara Lubich mit Wahrheit und Mut zu erneuern, und ruft dazu auf, in einer von Spaltungen und Kriegen gezeichneten Welt ein „Volk des Friedens“ zu sein.

von Andrea Fleming

Mit herzlichem Applaus haben die 320 Teilnehmenden der Generalversammlung der Fokolar-Bewegung bei ihrer Privataudienz im Vatikan Papst Leo XIV. begrüsst.  Gleich zu Beginn lenkte der Papst die Aufmerksamkeit auf die Wurzel der Spiritualität: „Jeder von euch wurde vom Charisma der Dienerin Gottes Chiara Lubich angezogen.“ Die Einheit, so betonte er, bleibe das Herzstück der Gabe an die Gründerin der Fokolar-Bewegung, die der Heilige Geist heute der Kirche und der Welt schenkt. 

Ein Volk des Friedens, gerufen, der Barbarei Einhalt zu gebieten

Das Thema des Friedens zog sich wie ein roter Faden durch die Ansprache des Papstes. „Gott hat auch durch euch in den vergangenen Jahrzehnten ein grosses Volk des Friedens geformt“, das heute berufen sei, „ein Gegengewicht und einen Damm gegen all die zu bilden, die Hass säen und die Menschheit in Formen der Barbarei und Gewalt zurückwerfen“. Worte, die die Arbeit der Generalversammlung bestätigten, die darüber reflektiert hat, wie man wirksamer dazu beitragen kann, soziale Bindungen wiederherzustellen, Polarisierungen zu überwinden und Dialog und Geschwisterlichkeit zu fördern.

Der neu gewählte Co-Präsident der Fokolar-Bewegung Roberto Almada zeigte sich froh über die Begegnung: „Mich hat sein dankbarer und ermutigender Blick auf alle Mitglieder der Bewegung beeindruckt: Priester, Familien, Jugendliche, Fokolarinnen und Fokolare.“

Margaret Karram, die als Präsidentin der Bewegung wiedergewählt wurde, kommentierte: „Der Papst hat erneut betont, wie sehr in einer gespaltenen und vom Krieg zerrissenen Welt Einheit nötig ist. Er hat die Notwendigkeit noch stärker in den Mittelpunkt gerückt, unsere Berufung zur Geschwisterlichkeit intensiver und besser zu leben. Besonders beeindruckt hat mich die Anerkennung des Papstes für die Arbeit der Bewegung in der Ökumene, im interreligiösen Dialog und in anderen Bereichen.“

Die Verantwortung in der Zeit nach der Gründung

Ein wichtiger Teil der Ansprache betraf den historischen Moment, den die Bewegung derzeit durchlebt. Papst Leo XIV. erinnerte daran: „Euch ist die Verantwortung anvertraut, das Charisma eurer Bewegung in der Nachgründungsphase lebendig zu halten“, einer Phase, die nicht mit der Generation unmittelbar nach der Gründerin ende, sondern „sich auch darüber hinaus erstreckt“. Er forderte die Bewegung auf, klar und ehrlich zu unterscheiden, was zum wesentlichen Kern des Charismas gehört und was sich im Laufe der Zeit ändern kann. Er sagte deutlich, dass es notwendig sei, zu unterscheiden, „welche Aspekte eures gemeinsamen Lebens und eures Apostolats wesentlich sind und daher beibehalten werden müssen“ und „welche Praktiken - obwohl seit langem in Gebrauch - für das Charisma nicht wesentlich sind oder problematische Aspekte gezeigt haben und daher aufgegeben werden müssen“.

Die Worte des Heiligen Vaters zur Transparenz – „Voraussetzung für Glaubwürdigkeit“ und ein Recht, auf das alle Anspruch haben, weil das Charisma für alle sei – haben bestätigt, was bereits in der Generalversammlung als wichtige Ausrichtung für die Zukunft formuliert wurde. Mehr Mitverantwortung ist für die Fokolar-Bewegung eine notwendige Entwicklung, um heute Einheit zu leben.

Ein gemeinsamer Erneuerungsprozess: Leitlinien für die nächsten fünf Jahre

Die von der Generalversammlung angestossene Reflexion über Herausforderungen und kritische Punkte hat gezeigt, dass vielen Problemen der Bewegung heute ein noch nicht ausgereiftes Verständnis von Einheit zugrunde liegt, dem Kernstück des Charismas von Chiara Lubich. Aus diesem Grund wurde ein Prozess des Umdenkens und der Vertiefung auf allen Ebenen angestossen. 

Wichtige nächste Schritte wurden skizziert: Fokolar-Gemeinschaften weltweit, insbesondere an den „Rändern“ der Welt wollen dazu beitragen,  Spaltungen und Polarisierungen zu überwinden und dabei mit all jenen zusammenzuarbeiten, die das Anliegen des Dialogs und der Zusammenarbeit teilen; man will Netzwerke unterstützen, die sich für die Förderung des Friedens und die Erziehung zur Gewaltfreiheit einsetzen; eine ganzheitliche Vision für die Sorge um den Planeten und die Menschen soll entwickelt werden; Familien und Gemeinschaften sollen als Räume der gegenseitigen Unterstützung gestärkt werden. Ausserdem sollen ein verantwortungsvoller Umgang mit Technologien und künstlicher Intelligenz gefördert und dabei alle Generationen einbezogen werden. Es sollen immer mehr Räume der Begegnung und der Zusammenarbeit entstehen, im Dienste des Gemeinwohls und des Friedens.

Die Fokolar-Bewegung gehört zu den neuen geistlichen Aufbrüchen, die in den letzten 80 Jahren in den christlichen Kirchen entstanden sind. Ihre Ursprünge gehen auf das Jahr 1943 in Trient zurück. Mittlerweile ist sie in mehr als 180 Ländern der Welt vertreten. Weltweit zählt die Fokolar-Bewegung heute rund 140.000 Mitglieder, schätzungsweise 3 Millionen Menschen stehen mit ihr in Verbindung. Christen aus 350 verschiedenen Kirchen und ca. 7000 Gläubige nicht-christlicher Religionen fühlen sich ihr zugehörig.


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