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Kongress für Kommunikation und Dialog in Medien und Film

Perspektivenwechsel in der Medienwelt

"In allen noch so traurigen Ereignissen gibt es Hoffnungsvolles. Dies gehört vermehrt an die Öffentlichkeit", brachte die südafrikanische Editorin Ela Gandhi eine neue Tendenz auf den Punkt. Es ist eine Antwort auf die Entwicklung unseres Planeten zur globalen Gesellschaft. Deren Auswirkungen auf die Medien wurden Anfang November unter dem Titel "Schweigen und Wort – das Licht" beim dritten internationalen Kongress des Netzwerkes "NetOne" erörtert.

Hans Giezendanner

Die brasilianische Soziologin Vera Araujo analysierte die Veränderungen, welche wir zurzeit erleben. Die moderne Gesellschaft hat sich zur globalen entwickelt: In der modernen Gesellschaft wurden die Bedürfnisse nach Sicherheit und Wohlstand wenigstens in der westlichen Welt weitgehend befriedigt. Viele Menschen fanden darin ihre eigene, soziale Rolle. Die aktuelle, globale Gesellschaft wird hingegen durch wiederkehrende Terrorismusakte erschüttert. Zudem verlangt sie immer höhere Flexibilität bei der Suche und Ausübung der Arbeit. So entsteht ein Spannungsfeld von wachsender Unsicherheit, einem multikulturellen Zusammenleben und der Tatsache, das wir auf dem Planeten Erde immer mehr voneinander abhängen.

Bedürfnisse der Gesellschaft

"Um diesen Schwierigkeiten begegnen zu können, müssen wir Kreisläufe von Werten reaktivieren", empfahl Araujo. Eine "Kultur des Gebens und des Dialogs" eröffne neue Perspektiven im Zusammenleben der Völker. Viele Probleme würden sich einfacher lösen, wenn auf die echten Bedürfnisse und Eigenheiten anderer Länder eingegangen würde. Zusammen mit einer aktiven "Kultur der Geschwisterlichkeit" vermag dies ein echtes Gegenmittel zum Terrorismus darzustellen. Denn das Bewusstsein, dass alle Kinder eines Vaters sind, lässt auf ganz andere Art und Weise Angehörigen anderer Kulturen und Religionen begegnen. Der Austausch dieser Werte wird durch eine "Kultur der Kommunikation" gepflegt. "Mit ihr fördern die Medien das Zusammenleben und die Beziehungen zwischen den Menschen", erläuterte Michele Zanzucchi, Chefredaktor der italienischen Zeitschrift 'Citta Nuova' und Mitglied von NetOne.

Nur - wer sich heute in den Medien informiert, erhält oft einen anderen Eindruck. Im Rennen um Quoten schlachten viele Medien Konflikte, Unfälle und Verbrechen aus. Für Piero Damosso, Nachrichtenredaktor der RAI, ist dies ein wichtiges Hindernis zu einem hilfreichen Dialog mit den Medienkonsumenten. Diese Art Berichterstattung führe zu Vertrauensverlust. Zudem ortete er auch Defizite in der Meinungsvielfalt. Oft genug werden die LeserInnen beeinflusst, weil nur ein eingeschränktes Spektrum wahrgenommen und vermittelt werde. Seine Schlussfolgerung: "Die Medien müssten sich mehr Freiheiten von politischem und wirtschaftlichem Druck verschaffen. Dem eigenen Gewissen verpflichtet, sollten sie auch Positives über politische Gegner schreiben oder die nötige Zurückhaltung ausüben können."

Wie Ärzte gegenüber Krankheiten

Der amerikanische Vatikanjournalist John Allen schlägt den Medienleuten deshalb neue Techniken vor:"Wir benötigen eine Dosis Demut. Jedermann gibt heute sofort seine Meinung zum Besten. Aber wir wissen nicht alles. Vieles kann erst echter Dialog erleuchten." Um jemanden zu verstehen und seine Sicht zu begreifen, brauche es oft mehr als 20 Minuten. Geduld – ein rares Gut in der schnelllebigen Pressewelt. "Aber sind wir nicht zu oft beschäftigt mit Unwichtigem?"

In der "Informations-Bulimie" eine fürs Publikum sinnvolle Auswahl zu treffen, ist laut Francesca Giordano, Pressesprecherin einer italienischen, christlichen Gewerkschaft eine Notwendigkeit. Weiter schlug Fatima Roriz, Direktorin einer brasilianischen Mediengruppe vor: "Ein Journalist verhält sich den negativen Nachrichten wie ein Arzt gegenüber Krankheiten." Schreckliches müsse dargestellt, aber nicht anziehend beschrieben werden. Als Beispiel diente der Bericht einer anwesenden Journalistin über den Mord an einem Kind. Mit viel Einfühlungsvermögen gelang es ihr, ein echtes, tiefes Gespräch mit den Eltern zu führen. Im Zentrum des Berichts stand darauf deren Zuversicht, dass ihr Kind nun an einem schönen Ort, im Himmel sei.

Positives überall entdecken

"Überall lassen sich positive Zeichen lesen und sehen", gab sich Ela Gandhi, südafrikanische Editorin, überzeugt. Nicht nur in ihrem Land, das zutiefst gespalten war, sei es wichtig, Geschichten zu veröffentlichen, die Hoffnung geben. In allen noch so traurigen Ereignissen in der ganzen Welt gäbe es Hoffnungsvolles, fuhr die entfernte Verwandte von Mahatma Gandhi fort: "Als Beispiel sehe ich Israelis, die nicht in den Krieg wollen und dafür bereit sind, ins Gefängnis zu gehen. Oder die Eröffnung eines Tempels für Minderheiten in Kaschmir." Gerade solche Berichte gehören für sie vermehrt in die Presse, nicht nur die beinahe alltäglichen Meldungen über Bombenanschläge. Aber auch in Europa gibt es Konfliktfelder wie beispielsweise die Schwierigkeiten der Generationen, welche in Richtung Euthanasie führen können. Um zu zeigen, wie Jung und Alt die Werte der Solidarität leben, berichtete ein teilnehmender Journalist in seiner Zeitung von konkreten Aktionen in der Region.

Das Bemühen einer Zeitung um Wahrheit und Werte wird honoriert. William Billy Esposo, heutiger Editor einer philippinischen Webzeitung, erfuhr dies nach dem Sturz des Diktators Marcos. Die Leute schätzten seine Zeitung als die einzige, welche sich in der schwierigen Zeit davor für die Wahrheit eingesetzt hatte. Auch heute erkennt er in den "Good news" einen Marketing-Wert: "Aber wir müssen noch entdecken, was die Menschen in dieser Beziehung brauchen."