Hintergrundbild - Image du fond - Immagine di sfondo

Vorstellung „Wirtschaft in Gemeinschaft“

Gertraud Wachmann, Ferienmeeting Davos, 20. Juni 2005

Vergangenen März hatte ich die Gelegenheit, die Wirtschaft in Gemeinschaft vor einer Gruppe von Jugendlichen vorzustellen. Wir haben mit einigen Fakten über die aktuelle weltwirtschaftliche Situation begonnen, um sie für die Problematik einer gerechteren Wirtschaft zu sensibilisieren. Eigentlich wollte ich ihnen die Verteilung der Güter anhand einer guten Torte plastisch vor Augen führen – weil ich aber keine Torte hatte, dafür Osterhasen– es war gerade nach Ostern - haben wir versucht diese Osterhasen entsprechend dem Bruttonationaleinkommen einiger Beispielländer aufzuteilen.

Wir haben der Bevölkerung das Bruttonationaleinkommen, also die wirtschaftliche Leistung aller Bewohner, gegenübergestellt.

Das Ergebnis hat auch mich überrascht – der eine Schweizer konnte seine Osterhasen gar nicht tragen, die vielen Inder konnten ihren Anteil gar nicht in so kleine Stückchen aufteilen, dass jeder etwas davon gehabt hätte.

Da die Bevölkerung der Schweiz im Vergleich zu den anderen Ländern weniger zahlreich ist, ich sie aber doch einbeziehen wollte, habe ich sie mit einem „Auge“ angedeutet. Damit wir die Relationen doch noch besser sehen können, hier das Bruttonationaleinkommen pro Kopf.

Natürlich haben wir am Ende vorgeschlagen, die Gütergemeinschaft zu leben und alle Schoggi-Hasen in die Mitte zu legen, damit jeder davon essen konnte.

Mir war klar, dass die Verteilung der Güter in der Welt sehr ungleich ist – schliesslich wollte ich das den Jugendlichen auch bewusst machen. Es aber so plastisch vor Augen zu haben, hat auch mich doch überrascht. Ich habe mich gefragt: Habe ich einen Rechenfehler gemacht? Lag es an den von mir gewählten Beispielen? Habe ich sie zu einseitig ausgewählt und den Effekt damit verzerrt?

Sicher ist der Unterschied weniger augenfällig, je mehr Länder in die Betrachtung einbezogen werden, aber die Grundaussage bleibt gleich: Dem Überfluss des einen Teils der Welt steht die Not des anderen gegenüber. Und mir ist auch klar geworden, dass das tatsächliche Ausmass der Armut in vielen Ländern der Welt für mich – aufgewachsen in einem der reichsten Länder Europas – nur schwer vorstellbar ist.

Kofi Annan sagte in seinem Vorwort zum Bericht über die wirtschaftliche und soziale Situation der Welt 2004, dass durch den wirtschaftlichen Fortschritt in den zwei meistbevölkerten Ländern der Erde – China und Indien – eines der Millennium Entwicklungsziele der UNO möglicherweise erreicht werden kann, nämlich den Anteil der Menschen, die von weniger als 1 Franken pro Tag leben müssen, bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Aber gleichzeitig sagt er, dass zu erwarten ist, dass viele der ärmsten Länder noch ärmer werden.1

Dieses Jahr wurden erste Zwischenberichte auf dem Weg zur Erreichung der Milleniums Entwicklungsziele erstellt - mit dem Fazit, dass die Umsetzung dieser Ziele bis zum Jahr 2015 möglich wäre, wenn die reichen Länder ihren Anteil leisteten. Zur Umsetzung der Entwicklungsziele würden in einem durchschnittlichen Staat der Dritten Welt Investitionen von 80 CHF pro Kopf genügen, rechnet Kofi Annan vor: ein geringer Betrag, der jedoch von den armen Ländern alleine nicht aufgebracht werden könne.

Gemäss internationalen Entwicklungsexperten könnten die Ziele mit Aufwendungen von lediglich einem halben Prozent des Nationaleinkommens verwirklicht werden. Damit könnten die Entwicklungshilfeleistungen im Jahr 2015 auf 175 Milliarden CHF angehoben werden - gegenüber 88 Mrd. gegenwärtig.2

Natürlich ist die Entwicklungspolitik nicht so einfach – es ist ein komplexes Problem mit vielen Einflussfaktoren, hier möchte ich mit einer Grafik nur einige der Zusammenhänge aufzeigen. Natürlich braucht es nicht nur Entwicklungshilfe in CHF, sondern auch in vielen anderen Bereichen.

Der G8-Gipfel hat die Diskussionen um die Entwicklungshilfe wieder neu entfacht. Manche bezweifeln ihre Sinnhaftigkeit angesichts der fortbestehenden Handelshemmnisse, der allgegenwärtigen Korruption etc. Darüberhinaus wird sie an Bedingungen geknüpft – wie z. B. mehr Demokratie, gute Regierungsführung der Empfängerländer. Wir wissen, wie destruktiv diese „Entwicklungshilfe“ auch sein kann, wenn wir z.B. an die Privatisierung der Wasserversorgung in afrikanischen Ländern denken.

Es ist ein Weg, den die Länder nur miteinander gehen können.

Vor wenigen Tagen ist mir ein weiterer Bericht über die Situation der Weltwirtschaft in die Hände gefallen: der Welt-Vermögens-Bericht 2005, eine umfangreiche Studie über die Entwicklung des weltweiten Reichtums von Einzelpersonen, welche die Investmentbank Merrill Lynch zusammen mit der Unternehmensberatung Capgemini angefertigt hat. Untersucht wurde die Vermögensentwicklung der sogenannten "high net worth individuals" (HNWI), d.h. Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million Dollar in Finanzanlagen.

Die wichtigsten Aussagen zusammengefasst:

  • Die Zahl der Millionäre ist im vergangenen Jahr weltweit um rund 7 Prozent gestiegen, und das Vermögen dieser Reichen hat um 8,2 Prozent auf 40 Billionen CHF zugenommen
  • In den kommenden fünf Jahren, so prognostiziert der Report, wird das Vermögen dieser Reichen um jährlich 6,5 Prozent steigen - auf dann 54 Billionen CHF im Jahr 2009

Untersucht wurde die Vermögensentwicklung der sogenannten "high net worth individuals" (HNWI), d.h. Menschen mit einem Vermögen von mehr als einer Million CHF in Finanzanlagen.

Erwartungsgemäss finden wir die meisten HNWIs in Europa, Nordamerika, sowie im asiatisch-pazifischen Raum (Australien, Taiwan, Singapur, Japan – aber auch China und Indien verzeichneten ein grosses wirtschaftliches Wachstum in diesen letzten Jahren).

Die Ergebnisse dieses Reports – wenn sie auch einen anderen Fokus haben – stimmen mit den Ergebnissen des UNO-Berichts überein, Afrika und Latein-Amerika kommen kaum vor und wenn, dann um diese Grafiken zu vervollständigen, denn sonst würde ja ein Teil der Welt fehlen …

Und wie fügt sich in dieses Bild die Wirtschaft in Gemeinschaft ein? Wir wissen, dass die Inspiration zur Entstehung der WiG gerade aus diesen wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewichten herrührt, als Chiara Lubich 1991 in Brasilien war und den grossen Unterschied zwischen Reich und Arm – Wolkenkratzer und Favelas in San Paolo – in unmittelbarer Nähe erlebt hat.

Schon seit Anfängen der Fokolar-Bewegung führte die starke Erfahrung der Liebe Gottes und der Wunsch, diese Liebe an alle weiterzugeben, zum grossen Bedürfnis nach einer materiellen Gütergemeinschaft, um den Armen in Trient, mit denen die ersten Fokolarinnen in Kontakt gekommen waren, konkret und grosszügig zu helfen.

Von Beginn an wurde diese Gütergemeinschaft gelebt, jeder brachte, was er zuviel hatte und engagierte sich auch, monatlich einen Geldbetrag zu bringen – damit konnte schon im ersten Monat ca. 30 Familien geholfen werden.

Bald erweiterte sich der Horizont auf die ganze Welt, die Gütergemeinschaft, das soziale Problem und die Armen nahmen neue Gesichter an: sei es in Brasilien, in den USA, Afrika, Philippinen... In den 60er und 70er Jahren entstanden die grossen sozialen Werke der Bewegung: Fontem (Camerun), Magnificat (Brasilien), Bukas Palad (Philippinen).

Und dann 1991 der Besuch der Gründerin der Fokolar-Bewegung, Chiara Lubich, in Brasilien und die Inspiration, die Dynamik der Gemeinschaft von den Einzelnen auf Unternehmen auszuweiten und sie einzuladen, ihre Gewinne in die Gemeinschaft zu legen.

13 Jahre nach Entstehung der WiG gehören ihr nun 797 Unternehmen an – 226 in Italien, 243 in Europa, 226 in Süd- und Mittel-Amerika, 43 in Nord-Amerika, 41 in Asien, 8 in Australien, 7 in Afrika und 3 im Nahen Osten.

Die Unternehmen verpflichten sich auf allen Ebenen der Betriebsführung einer „Kultur des Gebens“ und widmen den erwirtschafteten Gewinn 3 Zielen:

  • zur Selbstfinanzierung des Unternehmens Das Unternehmen muss sich entwickeln und wachsen, es braucht Selbstfinanzierung und Investitionen. Das Projekt ist also nicht kurzsichtig, es ist nicht ein „Notfallsprojekt“, sondern hat eine langfristige Sicht für eine normale wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens; sie müssen konkurrenzfähig bleiben.
  • zur Verbreitung der „Kultur des Gebens“ Hier geht es um kulturelle Bildung – Presse, Veranstaltungen, Strukturen. Ohne „kulturelle Investitionen“ gibt es keine Hoffnung, dass die sozialen Probleme der Welt gelöst werden können. Diese hängen ja nicht von den fehlenden Ressourcen ab, sondern vom Umgang mit ihnen.
  • für die Bedürftigen Sie sind das Ziel des Projektes WiG, hier geht es um Direktzuwendungen oder Schaffung von Arbeitsplätzen in wirtschaftlich prekären Gebieten.

Die Grösse der Betriebe reicht von der Ein-Mann-Pizzeria über die Softwareschmiede bis zum international agierenden Autozulieferer FEMAQ des Deutsch-Brasilianers Rudolf Leibholz. Eine der grössten Firmen mit jetzt über 600 Angestellten hat buchstäblich als Garagenfirma in Genua begonnen. Heute ist die Genossenschaft „Roberto Tassano“ ein weitverzweigter Dienstleistungsbetrieb für Spitäler, Seniorenheime und Gemeindeeinrichtungen, der ganz bewusst auch am Arbeitsmarkt nicht vermittelbare Menschen einstellt.

Auf diesem Hintergrund – der Erfahrung der Fokolar-Bewegung seit ihren Anfängen – wird deutlich, dass die WiG weder ein Wirtschaftsmodell ist, das aus dem Gespräch unter Wirtschaftswissenschaftlern am grünen Tisch hervorgegangen ist, noch ein von Experten für nachhaltige Entwicklung ausgearbeitetes Projekt. Es ist eine Initiative, die aus dem praktischen Leben entstanden und auf einem „spirituellen Humus“ gewachsen ist, von dem sie ihre Identität und Bedeutung bezieht.

Diese Kultur wird auf treffende Weise von der Soziologin Vera Araújo beschrieben: “Bei der WiG geht es nicht um Großzügigkeit oder Almosen-Geben, es geht darum, die Dimension des Gebens und des Sich-selbst-Gebens als essentielle Dimension der eigenen Existenz wahrzunehmen und in die Tat umzusetzen.”

Kennzeichen der Betriebe der Wirtschaft in Gemeinschaft ist ihr Lebensstil, der sich am Evangelium ausrichtet. Bedingungsloses Geben vollzieht sich in den WiG-Betrieben nicht nur im Weggeben eines Teils des Gewinns, sondern auch in vielen anderen Handlungsweisen. Die Liebe tut nicht einfach etwas für andere, oder gibt ihnen etwas, sondern sie ist fähig, den Nächsten zu „leben“, d.h. ihm oder ihr beizustehen, sich in die Haut des Nächsten zu versetzen, ohne aufdringlich zu sein.

Die Wirtschaft in Gemeinschaft zeigt, dass es möglich ist, den Gegensatz zwischen der Erzeugung von Reichtum und dessen Verteilung zu überwinden. Dies ist ein alter Gegensatz. Viele denken, dass es wichtig sei, viel Geld zu generieren, um es dann auf gerechte Weise nach bestimmten Gesetzen der Umverteilung weiterzugeben. Im Stadium der Produktion soll es keine bindenden ethischen Normen geben, weil das einzige Ziel darin besteht, die wirtschaftlichen Resultate und damit die Effizienz zu maximieren. Danach kann man sich an die andern und ihre Bedürfnisse erinnern und im Moment der Verteilung großzügig sein. Die WiG geht in diesem Punkt eindeutig gegen den Strom und zeigt, dass es möglich ist, im Markt erfolgreich zu sein, ohne dieser zwiespältigen Logik zu folgen.

Die Rückschau hat gezeigt, wie krisenresistent die WiG-Betriebe sind. Sie haben die asiatische Finanzkrise ebenso überstanden wie das Wirtschaftsdesaster in Argentinien und sind daraus eher gestärkt hervorgegangen. Ihrer eigenen Einschätzung zufolge liege das sowohl am Vertrauen, das sie mit ihren Geschäftspartnern aufgebaut haben als auch an ihrem „Hauptaktionär“, der mit seiner Vorsehung zeitgerecht eingreift. Ein plastisches Beispiel für viele: während der asiatischen Finanzkrise mussten auf den Philippinen Bankinstitute reihenweise Bankrott anmelden. Da die Sparer infolge der Unsicherheit alles Geld abheben wollten, war es zu unüberbrückbaren Liquiditätsengpässen gekommen. Die Sparer einer kleinen Landwirtschaftsbank, die ins WiG_Projekt eingegliedert ist, behielten das Vertrauen in ihr Institut und leerten die Konten nicht. Mittlerweile ist die Bank vom 400. auf den 6. Platz in ihrem Sektor vorgerückt.

Gewerbeparks

Als Chiara Lubich 1991 die Wirtschaft in Gemeinschaft lancierte, forderte sie nicht dazu auf, Stiftungen oder Wohlfahrtsorganisationen zu gründen – wie man vielleicht vermuten könnte. Vielmehr sprach sie vom ersten Moment an von Betrieben: ungewöhnliche Werkzeuge, um ein Solidaritätsproblem zu lösen. Das Konzept „Gemeinschaft“ durchdringt nun auch diese „normalen wirtschaftlichen Organisationen“.

Und in den letzten Jahren ist noch etwas Neues aufgebrochen: die Gewerbeparks, die in unmittelbarer Nähe zu den kleinen Siedlungen der Fokolar-Bewegung entstanden sind. Durch sie wird die ganze Fokolar-Bewegung in eine Art „popular shareholding“ eingebunden. Es wird möglich, das nötige Kapital zu beschaffen, um neue Betriebe zu gründen, besonders in Entwicklungsländern, wo die Geldbeschaffung auf dem Kapitalmarkt sehr schwierig und kostspielig sein kann.

Es gibt inzwischen 3 derartige Gewerbeparks: Der älteste von ihnen, der Gewerbepark Spartaco, ist vor 10 Jahren in Brasilien, in der Nähe von S. Paulo entstanden. Heute sind 9 Betriebe dort tätig die insgesamt etwa 300 Personen Arbeit geben. Weitere 3 Betriebe sind nur wenige Kilometer entfernt.

„Wir sind arm, aber viele“ – die Brasilianer haben ein sehr ambitiöses Projekt in Angriff genommen, in ihrem Land, das von unzähligen wirtschaftlichen und sozialen Problemen geplagt wird. Die ESPRI AG, die Trägergesellschaft des Gebietes ist entstanden, um den Betrieben verschiedene Services anzubieten und hat heute 3650 Aktionäre.

Weitere Gewerbeparks sind Solidaridad in Argentinien und der Gewerbepark Lionello in Italien, bei Loppiano, in der Nähe von Florenz.

Im Entstehen begriffen sind die Gewerbeparks der Siedlungen Santa Maria (Recife), Luminosa (USA, Vita (Belgien) und Arco Iris (Portugal).

WiG und Wirtschaftswissenschaft

Die Tatsache, dass immer mehr Gelehrte, Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmer und Kulturschaffende Interesse für die WiG bekunden, ist ein Zeichen dafür, dass dieses durch die Erfahrung einer kleinen Gruppe von Personen entstandene Konzept einige universell gültige Elemente enthält. Mit anderen Worten: Die WiG ist zwar genau genommen ein konkretes Projekt mit einer Geschichte und einem klar definierten Ziel, aber einige ihrer Prinzipien sind universell anwendbar und können dazu beitragen, in der Wirtschaftswissenschaft die Kategorie der Gemeinschaft zu entwickeln.

Ich möchte hier nicht näher auf die aus den Studien der WiG hervorgegangenen Erkenntnisse, die zur Weiterentwicklung der ökonomischen Theorie beitragen könnten, eingehen – das würde den Zeitrahmen sprengen. Ein Aspekt ist, dass Beziehungen mit anderen Menschen auch als Güter betrachtet werden können (d.h. gute Dinge, die uns befriedigen und unsere Bedürfnisse decken) und dass Armut nicht nur als Fehlen von Ressourcen gesehen werden kann, sondern ebenso als Fehlen von echten Beziehungen. Das nur als kurzer Flash und vielleicht als „Appetithäppchen“ zur Lektüre der Werke über die WiG, die in den letzten Jahren publiziert wurden.

Wir befinden uns heute in einer Situation, in der die Staatengemeinschaft sich die Beseitigung des weltweiten sozialen Ungleichgewichts auf die Fahnen geschrieben hat. Bei den konkreten Bemühungen, die Ziele zu erreichen, gibt es natürlich noch Potential, aber das gemeinsame Ziel ist klar. Auch in der Wirtschaft wird Ethik immer bedeutender: Business Ethics wird nunmehr an allen namhaften Universitäten gelehrt, das Schlagwort Corporate Responsibility darf heute im Selbstverständnis keines multinationalen Unternehmens fehlen. Das öffentliche Interesse wird immer grösser; Worte, die in der Wirtschaftswelt lange nicht mehr gebräuchlich waren – soziale Verantwortung, öffentliches Vertrauen werden wieder modern.

So erstaunt es auch nicht, dass ein Projekt wie die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ immer mehr Aufmerksamkeit erregt. Auch in der Schweiz wird die WiG immer wieder eingeladen sich vorzustellen – so z.B. in Genf, am Ökumenischen Rat der Kirchen und letzten Oktober am Internationalen Tag der Bekämpfung der Armut an der UNO, aber auch im Rahmen eines Wirtschaftsethik-Seminars an der Fachhochschule Luzern usw.

Die WiG könnte auch als ein Versuch betrachtet werden, der Marktwirtschaft ein menschliches Antlitz zu verleihen. Grundsätzlich anerkennt die WiG den Markt und die Unternehmen als positive Faktoren, aber sie übersieht nicht den Schaden und die Gefahren, die durch einen wilden Markt verursacht werden. (ich erinnere hier nur daran, dass die ursprüngliche Intuition der WiG in Brasilien entstanden ist, in einem Land also, wo der Markt beim Versuch, das Problem der extremen Armut zu lösen, kläglich gescheitert ist.)

Die WiG verurteilt das private Unternehmertum und den freien Markt nicht, sondern sie ermahnt uns, diese als Räume wahrzunehmen, wo echte Wohlfahrt, Glück und authentische Begegnungen zwischen Menschen ermöglicht werden können. Sie versucht eine mehrdimensionale Sicht der Unternehmertätigkeit zu propagieren, in der Effizienz zwar ihren Platz hat, aber nicht der einzig gültige Faktor ist. Für Betriebe, die sich der WiG angeschlossen haben, kommen zur Effizienz noch andere, ebenso wichtige Dimensionen hinzu, wie Geben, Solidarität, Gegenseitigkeit, Schönheit, Unentgeltlichkeit und – warum nicht – Spiritualität und Gemeinschaftssinn.

Abschliessend noch ein Zitat von Chiara Lubich, das den Kern der WiG auf den Punkt bringt:

„Im Gegensatz zur Konsumwirtschaft, die auf einer Kultur des Habens basiert, gründet die Wirtschaft in Gemeinschaft auf der Kultur des Gebens.

Ein solches Handeln mag schwierig, gewagt, heroisch scheinen. Aber das ist es nicht, denn der Mensch ist als Abbild Gottes geschaffen, der Liebe ist, und er findet seine Verwirklichung gerade im Lieben, im Geben. Das liegt zutiefst in seinem Wesen begründet, gleich, ob er gläubig ist oder nicht.

In genau dieser Feststellung, die von unserer Erfahrung bestätigt wird, liegt die Hoffnung auf eine weltweite Verbreitung der Wirtschaft in Gemeinschaft.“

(Chiara Lubich, 1991)

 


1 „World Economic and Social Survey 2004“, Preface of Kofi Annan
2 http://www.eurekalert.org/staticrel.php?view=Lancet2005