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leben-online

17/06/2010 16:17
Klippen der Paarbeziehung

Von: INTERVIEW VON MARCEL CADUFF

Rino und Rita Ventriglia in Baar
Rino und Rita Ventriglia in Baar

Brennpunkt Ehe

An der Tagung für Paare am 12./13. Juni in Baar hielten Rino und Rita Ventriglia die Impulsreferate. Marcel Caduff befragte den Psychotherapeuten und die Gynäkologin und Familienberaterin nach den Klippen in der Paarbeziehung.

 leben-online: Oft ist in jungen Menschen der Wunsch nach einer Bindung mit einem Partner oder Partnerin vorhanden, gleichzeitig jedoch mit der bangen Frage „Für ein ganzes Leben?“  Wie kann das gehen?

Rino Ventriglia: Die Vorstellung, eine lebenslange Beziehung in der Ehe sei etwas Statisches, etwas das sich nicht verändert, macht Angst. Die Geschichte eines Paares ist wie die eines Individuums eine Geschichte, die sich entwickelt. Sie beginnt mit der Phase des „Verliebt-seins“ die zur „Paarbildung“ führen kann. Dann gibt es die Phase des gemeinsamen Lebens und die des gemeinsamen  Alterns. Es ist wie eine Reise. Auf einer Reise hat man keine Zeit sich zu langweilen. Die Landschaft, das Panorama ändert sich und so auch die Geschichte eines Paares. Es ist die Geschichte einer fortlaufenden Entwicklung mit immer neuen Entdeckungen. Was ermöglicht diese immer wieder neuen Überraschungen? Die Liebe. Die Liebe ist jenes Gefühl, das uns erlaubt den anderen jeden Tag neu zu sehen. Jedes „Guten Morgen“ und jedes „Guten Abend“ sind jedes Mal neue, einzigartige Momente, die sich nicht wiederholen.

leben-online: Jeder Mensch ist einzigartig und entwickelt sich persönlich weiter. Wie ist gemeinsames Wachsen möglich?

Rino Ventriglia: Beim Aspekt „gemeinsam wachsen“ denke ich an die Geburt eines Kindes. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, erfährt es die mütterliche Fürsorge.  Sie hilft ihm zu wachsen. Donald Winnicott, ein bekannter Psychologe, hat es einmal etwa so gesagt, dass erst das Kind die Mutter zur Mutter mache. Das gilt auch umgekehrt. Das bedeutet: es besteht eine gegenseitige Beziehung, in der jeder dem anderen hilft, immer mehr sich selber zu sein, um das zu verwirklichen, was in seinen Genen und seinem Lebensplan eingeschrieben ist. Dasselbe passiert in jeder echten Paarbeziehung. Wenn der Mann seiner Frau mit Liebe begegnet und sie ihm, sie sich gegenseitig mit Liebe anschauen, dann gibt jeder sich selber ganz und hilft dem anderen, sich immer mehr zu verwirklichen, also das zu werden, was er ist. Es ist ein Spiel der Gegenseitigkeit. Ich, Rino, bin heute so wie ich bin, weil ich Rita begegnet bin. Ich wäre es nicht, wenn ich ihr nicht begegnet wäre. Und das ist gegenseitig so. „Gemeinsam“ bedeutet also, jeden Tag zu wachsen, miteinander unser „WIR“ zu entwickeln, indem wir uns immer mehr als Person verwirklichen.

leben-online: Welches sind die gefährlichsten Klippen auf dem Weg einer Paarbeziehung?

Rita Ventriglia: Eine Falle, der wir heutzutage sehr oft begegnen, ist die Meinung, Verliebtsein sei das gleiche wie Liebe. Das Verliebtsein ist die Anfangsenergie, die sich in starken Gefühlen zeigt. Die Liebe hingegen ist eine Wahl, die wir täglich treffen. Sie ist eine Kraft, die uns jeden Tag hilft, die Entscheidung zu treffen zu lieben, die andere Person zu lieben. Das lässt die Liebe wachsen, eine Liebe, die nicht nur Gefühl ist, sondern auch Zuwendung und eine bewusste Wahl beinhaltet..

Eine weitere Gefahr sind die Schattenbereiche. Es sind Gedanken, Situationen, die wir zurückhalten, für uns behalten, weil wir meinen, die gehen nur uns selber etwas an, und deshalb teilen wir sie dem anderen nicht mit. Diese Schattenbereiche können anwachsen, bis sie zur Trennung werden für den anderen. Sie sind eine „Nicht-Kommunikation“, denn jeder der Partner lebt ein vom anderen getrenntes Leben. Das sind zwei mögliche Fallen, denen wir heute begegnen können.

leben-online: Welches ist euer bester Tipp, damit eine Paarbeziehung gelingen kann?

Rita Ventriglia: Eine gute Kommunikation. Darauf hinzielen, einander möglichst alles mitzuteilen. Natürlich müssen wir auch den richtigen Augenblick dazu finden und die passenden Worte. Dann gilt es auch aufmerksam zu sein im Hinhören – dem anderen wirklich zuhören. Auch in Augenblicken der Dunkelheit, wenn wir den Eindruck haben, wir haben uns nichts mehr zu sagen, erinnern wir uns an die hellen, sonnigen Phasen. Erinnern wir uns an die Augenblicke, die uns den Anstoss zur Wahl unseres Partners gaben. Dieses Erinnern an das Feuer von damals … wenn wir diesem Funken, der vielleicht unter der Asche noch da ist, eine Chance geben, dann kann möglicherweise das Feuer wieder aufflammen. Dann ist es auch wichtig, unsere eigene Männlichkeit oder Weiblichkeit gut zu leben, nicht nur als genitaler Ausdruck, sondern als persönliche Energie, die den anderen empfangen, dem anderen zum  Geschenk werden kann. Das bedeutet, daraufhin zielen, dass wir unser ganzes Fühlen, unser Verstehen und unsere Sensibilität so leben, dass sie zu einem tiefen Dialog führen können, gerade dann, wenn uns vielleicht die Worte fehlen.

Danke für das Gespräch.