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leben-online

16/06/2010 16:04
Charismen in Gemeinschaft

Von: INTERVIEW VON MARCEL CADUFF

P. Amadeo Ferrari ofm.conv: Sinn für die Zukunft!
P. Amadeo Ferrari ofm.conv: Sinn für die Zukunft!

Neue Hoffnung für Ordensleute

Im Januar trafen sich rund 40 Ordensleute aus der ganzen Schweiz im Bildungs- und Begegnungszentrum Baar. Auf dem Hintergrund von Nachwuchsmangel und Identitätsverlust, die viele Orden betreffen, fragten sie sich nach der Zukunft ihrer Charismen. Im folgenden Interview zeigt der Hauptreferent, P. Amadeo Ferrari, Hoffnungszeichen und Motivationen für ein gottgeweihtes Leben auch heute.

leben-online: Das gottgeweihte Leben ist in Krise. Wie kann man heute Menschen eine geistliche Berufung nahe bringen?

Don Amedeo Ferrari: Die Rückkehr zum Evangelium ist der beste Weg heute eine Berufung vorzustellen. Das gilt nicht nur für Ordensleute, sondern für alle Menschen, für jede christliche Berufung. Zurückzukehren zum Ursprung, zum Evangelium, es so zu leben, wie es der Gründer oder die Gründerinnen gelebt haben. Durch das Leben nach dem Evangelium, das der Heilige Geist ihnen eingegeben hat, setzten sie bestimmte Worte in konkretes Leben um. Auf diese Weise haben sie ihre Initiativen, ihre Werke begonnen. Auch heute ist eine Rückkehr zum Leben nach dem Evangelium notwendig, damit das jeweilige Charisma des Gründers oder der Gründerin neu sichtbar wird.

leben-online:  Gott ruft Menschen in seine Nachfolge. Welches ist unser Beitrag dazu?

Don Amedeo Ferrari: Unsere Antwort! Wir müssen auf den Ruf antworten, so wie Maria mit ihrer Antwort ein bedingungsloses Ja zum Plan Gottes, zu seinem Willen gegeben hat.

Nur beten - oder?

leben-online:  Jesus sagt uns auch, dass wir den Vater bitten sollen, damit er Arbeiter in seinen Weinberg sende. Gibt es noch etwas anderes zu tun?

Don Amedeo Ferrari: Ja! Jesus wollte das Werk des Vaters nicht allein tun. Er wollte es zusammen mit Menschen machen. Er hatte dazu eine kleine Gemeinschaft ins Leben gerufen, die ihm folgte. Es waren Menschen, die sein Leben teilten und die er dann in die Welt hinaus sandte, damit sie seine Mission, sein Werk erfüllen. Er hat uns seine Gegenwart zugesichert: „Ich werde bei euch sein alle Tage...", oder „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Er führt sein Werk weiter durch einen „Leib“, eine Gemeinschaft, in der er gegenwärtig ist, eine Gemeinschaft aus Menschen die sich entschlossen haben, ihm zu folgen und die sein Werk weiterführen durch die gegenseitige Liebe, die sie untereinander leben. Diese Liebe strahlt aus und zieht an.

leben-online:  So wird sichtbar, was Jesus uns gelehrt hat.

Don Amedeo Ferrari: Ja genau. Durch die Gegenseitigkeit der Liebe kommt Jesus in die Gemeinschaft, und er ist es, der erlöst und die Menschen bekehrt. Jesus braucht das Zeugnis von Brüdern und Schwestern, die in der gegenseitigen Liebe geeint sind.

leben-online:  Gott ruft Männer und Frauen in seine Nachfolge. Gibt es Unterschiede?

Don Amedeo Ferrari: Der Unterschied ist der, dass Gott Mann und Frau geschaffen hat. Das Bild der Dreifaltigkeit wird in dieser Beziehung der Gegenseitigkeit der Liebe sichtbar. Die Dreifaltigkeit spiegelt sich in der Geschwisterlichkeit zwischen Mann und Frau wieder. Das ist die christlich-anthropologische Sicht.

Neues Fundament für gottgeweihtes Leben

leben-online:  Welches Ziel hatte die Begegnung im Zentrum Eckstein, die offen war für Ordensmänner und -Frauen?

Don Amedeo Ferrari: Ziel war es, ein Modell gemeinschaftlicher Spiritualität vorzustellen. Wir wollten dieses Geschenk, das der Heilige Geist heute der Kirche macht, vielen Ordensleuten bekannt machen. Wir haben mit Themen, die direkt das Ordensleben heute betreffen, begonnen, z.B. der Schwund an Berufungen, der Identitätsverlust, das Fehlen einer Motivation, um sich Gott in einer Berufung zu weihen. Wir haben mit Erfahrungen aufgezeigt, wie sich durch eine gemeinschaftlich gelebte Spiritualität, ein grundlegendes Fundament für ein gottgeweihtes Leben wieder finden lässt. Es geht darum, Gott den ersten Platz einräumen. Es geht um das österliche Geheimnis von Tod und Auferstehung, um die Erfahrung der Gegenwart Jesu in einer Gemeinschaft. Gemeinschaftliche Spiritualität - das ist das Geschenk, das der Heilige Geist heute der ganzen Kirche macht, also auch dem geweihten Leben.

Das Treffen in Baar war eine schöne Erfahrung des Austauschens und der Reflexion. Es liess in den Ordensleute, die irgendwie den Sinn für die Zukunft ihrer Berufung, ihrer Gemeinschaft verloren hatten, neue Hoffnung wachsen. Das ist eine Veranstaltung zum Wiederholen, damit diese Gnade der Erneuerung zu allen gelangen kann. Der Austausch am Schluss war sehr eindrücklich: Die Teilnehmenden waren berührt.

Danke vielmals für dieses Interview.

Der Franziskaner P. Amadeo Ferrari ofm.conv. ist Dr. in Psychologie und war 18 Jahre verantwortlich für das Spiritualitätszentrum „Claritas“ für Ordensleute in Loppiano/Italien.