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06/03/2016 16:29
Begegnung in der Karwoche

Von: ALFRED GASSMANN


Der gemeinsam gegangene kumenische Kreuzweg in Lenzburg ffnet fr unerwartete Begegnungen und fhrt in einen besonderen Ostermorgen.

Mit dem Bedrckenden und Belastenden im persnlichen und ffentlichen Leben innerlich und usserlich einen Weg gehen, sich wandeln lassen zu neuem Lebensmut und neuer Lebensfreude. Das war das Motto eines kumenischen Weg der Wandlung am Karsamstagabend, gestaltet von der Reformierten und der Katholischen Kirche in Lenzburg. Auf der Piazza des katholischen Pfarreizentrums nahm die Teilnehmerschaft ein Holzkreuz auf und marschierte schweigend los. Die zweite Station hinter dem Bahndamm bot ein unwirtliches Bild: verrostete Maschinen, Schrott, eine leere Garage mit einem leeren Briefkasten, Papier und Scherben am Boden. Eine Parallele zum Ort, wo Jesus vor den Toren der Stadt gekreuzigt wurde. Nehmen wir hin, dass sich nichts mehr verndert? Will der Mensch all seine Plne, Visionen und Hoffnungen begraben? Glauben wir, dass Heilung mglich ist, Konflikte gelst, scheinbar zerbrochene Liebesbeziehungen wieder belebt werden knnen und Beten verndern kann? Warum trauen wir Gott und den Menschen so wenig zu? Gott belebe unsere Seelen und schenke uns Vertrauen, betete der Pfarrer. Alle sangen wie bei jeder Station das Kyrie eleison. Der weitere Weg fhrte durch den Tunnel des Bahndammes --- eine Mglichkeit, ber das Licht der Hoffnung zu meditieren.

Auf dem Ziegelacher unter dem mchtigen Baum lag angelehnt ein mannshohes, hlzernes Kreuz. Am Boden brannten Kerzen. Zeit zum Klagen ber die Einsamkeit. Die reformierte Pfarrerin erwhnte all die Einsamen in unserer nchsten Umgebung: der alleingelassene Schler, die Leute im Altersheim oder gar ein Mitglied der eigenen Familie. Zeit zum Klagen aber auch ber all die Schritte, die ich Einsamen gegenber nicht unternommen habe.

Eine dunkle Nacht war unterdessen ber Lenzburg hereingebrochen. Sind die Herzen der Teilnehmenden von der Klage zur Hoffnung und vom Dunkel zum Licht gekommen? Der Pfarrer betete Knnen wir die trstlichen Zeichen nicht erkennen und die Sterne am Himmel nicht sehen? und entliess die stumme Gruppe in die Osternacht. Die Gemeinschaft trennte sich, alle beseelt von ureigenen Gefhlen und Gedanken und reicher um eine starke Erfahrung.

Am Ostermorgen machte ich mich auf zum sterlichen Festgottesdienst. Auf dem Parkplatz vor der Kirche entdeckte ich zwischen zwei Autos eine mir unbekannte Frau. Sie weinte. Begegnung mit der Einsamkeit? Ich trat auf die Frau zu und suchte mit ihr das Gesprch. Sie vertraute mir an, dass sie nicht allein gehen knne, dass sie sich ganz verlassen fhle weil die Leute an ihr vorbergehen. Ich sttzte die Frau und fhrte sie mit kurzen Schritten durch den Mittelgang der vollbesetzten Kirche. Sie wnschte mglichst weit vorne Platz nehmen zu knnen. Wie beteten wir abends zuvor auf dem Weg der Wandlung: Herr, strke in mir den Mut auf die Einsamen zuzugehen. Ostermorgen. Ich fhlte mich vom Auferstandenen berhrt.