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13/01/2016 20:44
Zug um Zug integrieren helfen

Von: ALFRED GASSMANN


Aus fnf werden 70 Freiwillige

Eva Wimmer kann sich noch gut an jenen Tag im November 2012 erinnern, als sie am Empfangsschalter des Asyl- und Durchgangszentrums Steinhausen stand und an die Glasscheibe klopfte. Von Anna Paganini, der Leiterin des Hauses, wurde sie herzlich empfangen. Die Anklopfende bot dem Zentrum ihre Hilfe an. Soeben war sie von einem Aufenthalt in Bethlehem zurckgekehrt. Tief beeindruckt von den Feierlichkeiten zum 60-jhrigen Jubilum des Caritas Kinderspitals, dem Lebenswerk des Schweizers Ernst Schnydrig. Sie erlebte in Palstina eine neue Realitt zwischen dem Elend und der Not der unzhligen Vertriebenen sowie die selbstverstndliche Solidaritt und herzliche Gastfreundschaft der Bevlkerung. Und die Flchtlinge in der Schweiz? Wie zeigen wir Solidaritt? Was verhindern und bewirken ngste und Vorurteile?

Sie sprte in ihrem Herzen die Bereitschaft, sich fr Asylsuchende zu engagieren, sich fr Frieden und interkulturellen Dialog einzusetzen. Vor Anna Paganini stand sie mit einem grossen Rucksack voller Lebenserfahrungen, aber belastet mit ihrer unheilbaren Krankheit. Die bei Imst mit fnf Geschwistern aufgewachsene Tirolerin erlebte auf dem elterlichen Bauernhof ein offenes Haus. Erlernt hat sie den Beruf der Kindergrtnerin. Zehn Jahre leitete sie die Gruppe ihrer Heimatgemeinde Karrsten und bildete Schlerinnen in der praktischen Kleinkindpdagogik aus. Doch ihr Wunsch nach Selbstndigkeit wurde immer strker. 1994 fhrte ihr Weg in die Schweiz und sie bernahm gemeinsam mit ihrem Mann die Vertriebs- und Ausbildungsleitung einer Kosmetikfirma. Aus dieser Aufgabe musste die geschftstchtige Frau 2007 gesundheitsbedingt aussteigen. Eva Wimmer erfllte sich von da an immer wieder die Sehnsucht nach der Wste. Die Hitze stellte sich fr ihren Krper als eine echte Wohltat heraus. In diesen Wochen lebte sie auf Augenhhe mit den Einheimischen und lernte deren Leben und Kultur zu verstehen.

Angelpunkt Sprache

Im Asyl- und Durchgangszentrums Steinhausen mit stndig rund 90-100 BewohnerInnen stehen der Heimleiterin Anna Paganini nur wenige SozialarbeiterInnen und wenig Aufsichtspersonal fr die Nachtwache bei. Schnell zeigten sich Bettigungsfelder fr die anfnglich fnf freiwilligen HelferInnen. Sie packte zu und unternahm mit den Mnnern, Frauen und ihren Kindern Spaziergnge, um Steinhausen kennen zu lernen. Sie fhrte sie ins Dorfzentrum, zu den Spielpltzen, in Geschfte und in Kirchen. Es galt, fr die Asylsuchenden Strukturen im Alltag aufzubauen. Mittlerweile ist aus den fnf freiwilligen Helferinnen eine 70-kpfige Schar geworden. Fr sie dient Eva Wimmer als Ansprechpartnerin und Koordinatorin. Im Kanton Zug lassen sich in den verschiedenen Unterknften 1200 Asylsuchende zhlen. Die Sprache bildet die Grundlagen aller Bemhungen, um Asylsuchende zu integrieren, argumentiert die engagierte Frau. Da erstaunt nicht, dass von Fachkrften dieser Gruppe fr das Erlernen der deutschen Sprache ein eigenes, taugliches Sprachlern-Programm entwickelt wurde, das mittlerweile auch in Deutschland und sterreich eingesetzt wird. Das interaktive Lernen am PC und Mobiltelefon wird mit einem darauf abgestimmten Konversationstraining kombiniert. Diese Mglichkeit wird im Kanton Zug permanent von 120 Deutschschlern genutzt. Eva Wimmer stellt den Lernenden ein beraus gutes Zeugnis aus. Sie nennt den Eifer und die berraschend schnellen und berzeugenden Lernfortschritte.

Zentrum Eckstein mit dabei

Gertraud Wachmann vom Begegnungszentrum Eckstein fhlte sich beim Lesen des Pfarreiblatts des Dekanats Zug von einem Aufruf angesprochen. Gesucht wurden Rume rund um Zug, um Asylsuchenden Begegnungen mit der Bevlkerung und Deutschunterricht zu ermglichen. Fr die Fokolar-Bewegung, die die Liebe zum Nchsten intensiv zu leben versucht, ergab sich eine Chance einen Beitrag zur Integration zu leisten. Kurzentschlossen werden Rumlichkeiten fr Entwicklungsarbeiten, Handarbeiten, Workshops und Deutschunterricht zur Verfgung gestellt. Das Haus beobachtet heute mit Befriedigung die Lernfreudigkeit der Asylsuchenden. Gertraud Wachmann sprt Dankbarkeit, Einladungen zu gemeinsamen Essen im Asyl- und Durchgangszentrums Steinhausen sind dafr Zeichen. Die Unterrichtsteilnehmenden erweisen sich als beste Kche.

Die Armut begegnet dem Reichtum

Was die ankommenden, von Bundeszentren zugewiesenen Asylsuchenden in der Schweiz vorfinden, kommt fr sie einem Kulturschock gleich. Wie findet ein Syrer, der Sprache nicht mchtig, in einem Einkaufszentrum das richtige Putzmittel? Was fngt ein Kind mit einem Kartenspiel an, das bislang zum Spielen nur Hlzer, Bltter und Erde kannte? Oder woher soll der Eritreer wissen, dass die grnen Kirschen noch reifen mssen und erst viel spter essbar sind? Die Asylsuchenden sind weitgehend berfordert. Die Armut begegnet der Flle der Natur, dem Reichtum, ja dem berfluss und die Langsamkeit wird mit der Hetze konfrontiert. Eva Wimmer versteht, sich in den Nchsten hinein zu versetzen, kann sich in seine ngste einfhlen und bemht sich, seine Bedrfnisse kennen zu lernen. Entstanden sind 12 Lern- und Beschftigungsfelder: Vom Spielen ber das Einkaufen, Kochen, Sport treiben bis zum Verhalten auf der Strasse. Die Tirolerin hat ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben. Sie sprt die Berufung dranzubleiben. Was sie leistet strahlt aus. Neue HelferInnen melden sich und wo sie anklopft, ffnen Sponsoren ihr die Tren. Sie bezeichnet ihre Aufgabe als miteinander leben und voneinander lernen, als Brckenschlag zwischen den Kulturen und untereinander. Integration wird nie abgeschlossen sein, wie viele Flchtlinge und Asylsuchende auch kommen mgen. Doch Anna Paganini, Eva Wimmer und die selbstlose Helferschar sind in Zug auf dem richtigen Gleis.