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31/10/2016 10:54 |
25 Jahre Wirtschaft in Gemeinschaft



Europa-Kongress in Baar

Die Initiative «Wirtschaft in Gemeinschaft» (WiG) ist 25 Jahre alt geworden – zu diesem Anlass werden weltweit «Geburtstagskongresse» abgehalten, vom 20.-23. Oktober in Baar ZG für Europa. Gibt es eine neue Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern, welche die Vision von solidarischem und gerechtem Wirtschaften auf der Basis christlicher Ethik weiterträgt?

Die Unternehmer aus der Gründerzeit der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ (WiG) nähern sich der Pension oder sind bereits pensioniert. Nun muss die nächste Generation das Ruder übernehmen. „Insofern ist es auch eine kritische Phase“, sagt Lukas Häner, Geschäftsführer der Software-Entwicklungs-Firma Koina. Luigino Bruni, internationaler Koordinator des WiG-Netzwerkes, verglich es mit einem Stafettenlauf, bei dem die Stabübergabe über Sieg und Niederlage entscheidet.

Stabübergabe

Die gut 100 Anwesenden aus 14 Ländern Europas machten klar: sie wollen den Stab übernehmen. Sie kommen aus Frankreich, Österreich, Belgien, Schweiz, Serbien, Kroatien, Deutschland, Spanien, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal und Russland, darunter auch eine Reihe von Jungunternehmern und Studierenden.

Vier junge Portugiesen etwa präsentierten ihr Beratungskonzept für Start-Up-Unternehmen, das sie in Form eines „Bootcamps“ speziell abgestimmt auf die Bedürfnisse einer jungen Zielgruppe anbieten. Unternehmerinnen und Angestellte aus verschiedenen Ländern erzählten vom Umgang mit Kunden, Mitarbeitenden und Konkurrenten; sie berichteten, wie sie Benachteiligte und Randgruppen in den Arbeitsprozess integrieren. Diesen Anstoss nehmen die Unternehmerinnen und Unternehmer aus Frankreich mit nach Hause: sie wollen bei anstehenden Stellenwechseln darauf achten, Menschen zu integrieren, die es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben.

Aufmerksamkeit für jeden Mitarbeitenden

Luca Crivelli, Professor für Wirtschaft an der Tessiner Universität USI, zog Parallelen zwischen dem „Social Business“ und den Prinzipien der WiG. Kulturwissenschaftler Herbert Lauenroth brachte den aktuellen Jahresimpuls der katholischen Kirche, die Barmherzigkeit, in Verbindung mit wirtschaftspolitischen und sozialethischen Handlungsleitlinien. Dabei hinterfragte er auch kritisch die unterschiedlichen Reaktionen und den Umgang mit der Frage der Flüchtlingskrise und der Migration in Europa.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Anouk Grevin referierte über die Bedeutung des Gebens, das nicht an eigennützigen Zweck gebunden ist und lud die Anwesenden ein, das Prinzip der „Gratuizität“ auch als ein Unternehmensleitprinzip einzuführen. Dazu brauche es einen besonderen Blick, eine spezielle Aufmerksamkeit für das, was jeder Mitarbeiter, jedes Glied im Wirtschaftsprozess als ganz eigenen spezifischen Beitrag zu geben habe.

Kraftvolles Leben aus kleinen Samen

„Bei uns in der Schweiz sind nach einer Schrumpfungsphase neue Kontakte zu Unternehmern von anderen christlichen Bewegungen entstanden“, sagt Lukas Häner. „Zudem sind wir an konzeptionellen Überlegungen, wie ein Unternehmer-Cluster ins Leben gerufen werden könnte, und sind in ersten Gesprächen mit Interessierten.“

Luigino Bruni beschloss den Kongress mit einem Blick in die Zukunft. „Pflanzen haben aus eigener Kraft keinen Einfluss auf Ort und Klimabedingungen des Terrains, in das sie eingepflanzt sind“, sagte er. „Trotzdem können sie auch nach einer Reduzierung auf einen minimalen Teil ihrer Existenz wieder zu kraftvollem Leben ausschlagen.“ Übertragen auf die WiG bedeutet das: „Auch einem einzelnen Unternehmer ist es möglich, auf der Basis des innovativen Grundgedankens diese besondere Art des solidarischen, gerechten Wirtschaftens zu entwickeln und auszubauen. Formen der „innovative governance“ haben in der Geschichte immer wieder aus kleinen Samen begonnen und sich zu weltweit verbreiteten Ansätzen entwickelt.“