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22/03/2017 10:58 |
40 Tage in Syrien

Von: RUEDI BECK


Geschwisterlichkeit leben in der Nacht des Krieges

Seit über 25 Jahren bin ich in Verbindung mit P. Nabil, einem katholischen Priester des melkitischen Ritus in Syrien. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder. Wir haben uns als Seminaristen kennengelernt bei einem Treffen der Fokolar-Bewegung.

Seit Beginn dieses schrecklichen Krieges in Syrien versuche ich, ihnen nahe zu sein. Wie viele Menschen beten um den Frieden in Syrien! So ist eine geistliche Gemeinschaft auch zwischen beiden Gemeinden entstanden, zwischen Syrien und der Schweiz. Als seine beiden älteren Töchter in Syrien nicht mehr weiter studieren konnten, hat unsere Gemeinde in Basel sie aufgenommen. Im Sommer vergangenen Jahres, vor der Versetzung in eine andere Gemeinde, habe ich mir Zeit genommen, P. Nabil zu besuchen. So kam es zu diesen 40 Tagen in Syrien!

Gastfreundschaft trotz Bomben

Um 3 Uhr nachts bin ich in Beirut (Libanon) gelandet, wo mich P. Nabil am Flughafen in Empfang nahm. In einem vollbesetzten Auto schlagen wir dann den Weg nach Syrien ein. An der Grenze ein warmherziger Empfang durch den verantwortlichen Grenzbeamten. Während das Auto und die Dokumente kontrolliert werden, sind wir seine Gäste. Dann fahren wir weiter, auf Nebenstraßen, denn die Hauptstraßen sind alle geschlossen. Wir kommen an unzähligen Checkpoints vorbei bis zum Heimatstädtchen von P. Nabil, 5 Kilometer von Hama entfernt. Wir erfahren auch hier eine großzügige und fröhliche Gastfreundschaft. Es ist eine lebendige Gemeinde. Jeden Abend treffen sich abwechselnd etwa 200 Kinder und Jugendliche in der Pfarrei. Insgesamt treffen sich etwa 900 Personen einmal in der Woche, um einige Stunden miteinander zu verbringen. Es ist immer ein Fest. 70 Jugendliche setzen sich verantwortlich dafür ein, obwohl sie noch zur Schule oder zur Universität gehen und mitten in Examen stecken.

Mit der Zeit verstehe ich, dass sich hinter dieser Lebendigkeit unendlicher Schmerz verbirgt. Ich lerne, dass die Geräusche, die man ständig wahrnimmt, von Bombardierungen herrühren. Die „Rebellen“ halten sich nur wenige Kilometer entfernt auf. Man erzählt mir, dass vor einer Woche ein kleines christliches Dorf, zwölf Kilometer von hier, überfallen wurde und viele Menschen getötet wurden. Viele Familien können auch das Lebensnotwendige nicht mehr kaufen. Wir besuchen Kranke, die nicht behandelt werden können. Nachts ist alles stockdunkel: es gibt nur LED Lampen, die auf Batterie laufen. In vielen Häusern sehe ich Fotos von gefallenen Söhnen. Es gibt fast keine intakte Familie mehr, mehr als 3.000 Jugendliche sind ausgewandert. Eines Tages, bei einer Beerdigung, schlagen Granaten ein und töten zwei Menschen.

Kraft aus der Gemeinschaft

Ich frage mich: Woher nehmen diese Menschen die Kraft, nicht zu verzweifeln? Tatsache ist, dass es hier schon lange eine Gemeinschaft gibt, die sich an der Spiritualität der Einheit orientiert. Mehr als 200 Leute, organisiert in Kleingruppen, die sich vom Wort Gottes ernähren und sich um Kinder und Menschen, die in Not sind, kümmern. Sie haben ein kleines soziales Zentrum aufgebaut, das Schwerkranken hilft und dank der Solidarität aus dem In- und Ausland Medizin und Behandlungen ermöglicht. Bis zu 450 Familien werden hier regelmäßig versorgt. Auch die Beziehungen zu verschiedenen religiösen Gruppierungen werden sorgfältig gepflegt. So werden wir auch zusammen mit anderen Priestern der Stadt zum Nachtessen während des Ramadan mit mehr als 200 Imamen von Hama eingeladen.

In der letzten Woche kann ich auch an einer Mariapoli teilnehmen. Mehr als 200 Personen aus verschiedenen Teilen des Landes: Damaskus, Homs, Hama, Aleppo und Latakia. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn kann man das Risiko einer Reise auf sich nehmen und sich treffen. Alle haben sehr viel gelitten, Angehörige, Häuser und Arbeitsstellen verloren. Aber den Glauben und die Liebe haben sie nicht verloren.