Eine gemeinsame Reise

Es genügt, zu lieben – An diesen Ausspruch von Chiara Lubich erinnerte die gemeinsame Veranstaltung zum 50-Jahr-Jubiläum des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und zum 10. Todestag der Fokolar-Gründerin Chiara Lubich am 18. April in Genf.

Mehr als 160 Personen nahmen an der vom ÖRK-Generalsekretär, Olav Fykse Tveit und Jesús Morán, Co-Präsident der Fokolar-Bewegung, gemeinsam veranstalteten Tagung teil.

Tveit unterstrich die Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung von ÖRK und Fokolar-Bewegung im gemeinsamen Streben nach Gerechtigkeit und Frieden. „Wir gehen unseren Weg gemeinsam in einer zerbrochenen und polarisierten Welt; gleichzeitig vertiefen wir unser Engagement für die Einheit. Die Einheit von Völkern und Nationen, aber in vielfacher Hinsicht auch die Einheit der Kirche, muss als Teil einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft entwickelt werden.“ Tveit schloss mit den Worten: „So werden wir nicht länger Fremde, sondern Pilgerinnen und Pilger auf dem Weg sein: Zeugen des anbrechenden Reiches Gottes in Gerechtigkeit und Frieden.“

Menschen im Dialog schreiben Geschichte
Jesùs Morán hob die Bedeutung des Dialoges hervor, der Grundlage einer wahrhaften Spiritualität der Einheit sei. „Im Dialog wird jede Person durch die Gabe des anderen vervollständigt. Wir brauchen uns gegenseitig, um wir selbst zu werden. Im Dialog gebe ich mich selbst und meine Vielfalt dem anderen hin. Ein echter Dialog ist von entscheidender Bedeutung, denn wir riskieren uns selbst, unsere Vision und unsere Identität – sowohl die kulturelle als auch die kirchliche. Aber sie geht nicht verloren, sondern sie wird in ihrer Offenheit bereichert werden.“ Er fuhr fort: „Es sind Menschen im Dialog, die Geschichte schreiben.“

Teny Pirri-Simonian, ehemalige ÖRK-Mitarbeiterin für kirchliche und ökumenische Beziehungen und Co-Sekretärin der Gemeinsamen Arbeitsgruppe zwischen dem ÖRK und der römisch-katholischen Kirche, erzählte von ihren persönlichen Erfahrungen mit Chiara Lubich und der Fokolar-Bewegung: „Chiara war wie ich felsenfest davon überzeugt, dass ‚starke Liebe‘ der Weg zur Einheit ist. Mitgefühl ist bedeutungslos, wenn es nicht von Selbstreflexion, Dialog und Respekt vor dem anderen begleitet ist.“

Eine klare Identität
Pater Ioan Sauca, stellvertretender ÖRK-Generalsekretär und Direktor des Ökumenischen Instituts Bossey, erinnerte sich an Lubichs Rede zur Spiritualität der Einheit anlässlich ihres Besuchs in Bossey 2002. Er erzählte: „Sie war zu 100 Prozent römisch-katholisch, aber sie hat sich anderen gegenüber geöffnet. Sie hat ihre katholische Identität nicht aufgegeben, aber sie ist den Menschen auf der Grundlage von Dialog und Gemeinschaft begegnet. Ihr Verständnis von Ökumene war eine klare Identität, die für die Diskussion mit anderen klaren Identitäten offen war.“

Dr. Callan Slipper, anglikanischer Priester und Fokolare-Mitglied, erinnerte daran, dass die Fokolar-Bewegung nicht nur an eine Kirche gebunden sei. „Wir leben in einer Ökumene der Menschen, in einer lebendigen Ökumene, in einem Dialog des Lebens.“ Er sagte über Lubich: „Ihre spirituelle Disziplin ermahnt uns nicht nur, in Einheit zu verweilen, sondern sie auch zu leben. Sie zeigt uns, wie wir die mystische Tiefe des Johannisevangeliums erreichen (Joh 17,21): ‚dass sie alle eins seien‘.“

„Basta amare!“
Luzia-Tersa Wehrle, ehemalige ÖRK-Mitarbeiterin und Mitglied der Fokolar-Bewegung, erzählte von einer Diskussion mit Lubich während ihrer Zeit als Fokolar-Mitglied im ÖRK. „Ich war so enthusiastisch, etwas zur Mission des ÖRK beitragen zu können, und ich dachte, dass durch das Leben und Weitergeben dieser Spiritualität der Einheit sich der Traum der Einheit in der Ökumene schon bald erfüllen würde.“ Lubich habe ihr damals geantwortet: „Basta amare – es genügt zu lieben, Jesus in jeder Person zu lieben...“

Der Tag endete in der Ökumenischen Kapelle mit Gebeten und Liedern, die von 80 jungen Erwachsenen des Ausbildungszentrums in Montet (Schweiz) vorbereitet worden waren. Kernstück des Gottesdienstes war ein Gebet von Chiara Lubich: „Entzünde in uns allen einen großen geschwisterlichen Respekt, hilf uns, uns gegenseitig gut zuzuhören, wecke unter uns die gegenseitige Liebe, die deine geistliche Gegenwart in unserer Mitte zulässt und gewährleistet. Denn wir wissen, Herr, dass wir ohne dich nichts tun können (Joh 15,5).“